ARCHIV ENCOUNTERPOINTS

| Musikstudio Ohrpheo

Colours and Sounds Of Wood And Air

Eric Drescher | Flöten
Pavlos Antoniadis | Klavier

Veranstaltung im Rahmen des Festivals EnCounterpoints | Neue Musik im Winskiez. Ausgewählt für dieses Konzert wurden Werke, die sich mit der Wechselwirkung von Neuer Musik, bildender Kunst sowie dem Einfluss von Farben und Klängen der Natur auseinandergesetzt haben. Neben einem nuancenreichen Solostück von Salvatore Sciarrino und einer neuen Klavierkomposition von Wieland Hoban stehen Werke der Komponisten Ernstalbrecht Stiebler und Klaus Lang auf dem Programm. Erstmals wird in dem Konzert die komplette „Suite Sur bois“ (2009-2016) von Andreas F. Staffel uraufgeführt. Passend zu der Veranstaltung findet eine Ausstellung von zeitgenössischer Malerei im Studio Ohrpheo statt.

Programm

Klaus Lang: Weiß für Flöte und Klavier
Ernstalbrecht Stiebler: Neues Werk für Flöte und Klavier
Salvatore Sciarrino: Il pomeriggio di un allarme al parcheggio für Glissandoflöte solo
Andreas Staffel: Suite Sur Bois für Flöte und Klavier (U.A.)
Wieland Hoban: When the painting starts für Klavier

Ort: Musikstudio Ohrpheo, Jablonskistr. 15, 10405 Berlin

Eintritt: 10 € | 7 € | 6 € (Berlinpass) - Kinder und Jugendliche frei!
(Tickethotline: 030-25048799)

Eine inm geförderte Veranstaltung

Die Stücke

Klaus Lang: Weiß für Flöte und Klavier
Beobachtet man Kühe, kann man Bewegungen sehen die für uns völlig nachvollziehbar sind: eine Bremse setzt sich auf den Bauch; als Reaktion darauf schleudert die Kuh ihren Schwanz in Richtung Bremse. Doch dann gibt es noch Bewegungen ganz anderer Art: Nachdem eine Kuh die längste Zeit unbeweglich und unverändert auf einem Fleck gestanden hat, macht sie plötzlich einen Schritt nach vorne - ohne einen für uns verständlichen oder nachvollziehbaren Grund. Für die Kuh muss diese Bewegung genauso begründet und folgerichtig gewesen sein wie die erste (Bremse-Schwanz), trotzdem können wir sie nicht verstehen. Es gibt also eine Schicht von Logik, die für uns nicht verständlich ist (und wahrscheinlich auch nicht für die Kuh) und, obwohl sie nicht verstehbar ist, auf geheimnisvolle Weise dafür sorgt, dass die Folge von Ereignissen von uns als schlüssig empfunden wird. Ein unerklärlicher Schritt der Kuh bleibt zwar als einzelnes Ereignis mysteriös, zerstört aber trotzdem nicht unser einheitliches Bild der Wirklichkeit, wie es geschehen würde, wenn die Kuh zum Beispiel plötzlich anfangen würde aus dem Gedächtnis das Herz-Sutra zu rezitieren. Trotzdem erstaunt man immer wieder über eine äußerst mysteriöse und höchst wunderliche Tatsache: Kühe nehmen fast ausschließlich grüne Nahrung zu sich und trotzdem ist die Milch, die sie geben, weiß.

Ernstalbrecht Stiebler: Freies Spiel für Flöte und Klavier
Zwei gegenläufige, individuell formulierte Bewegungen - immer langsamer, immer schneller - finden im freien Spiel zu einem Klangraum, der in der Begegnung - frei und intentionslos - in figuraler Bewegung gestaltet ist.

Salvatore Sciarrino: Il pomeriggio di un allarme al parcheggio (2015) | Ein Alarm auf einem Parkplatz am Nachmittag für Glissandoflöte solo (für Erik Drescher)
„Viele meiner Werke gleichen sprachlichen Metaphern. Sie entwerfen eine klingende Illusion des Realen. Technik und Natur vermengen sich im aktuellen Lauf der Dinge. Deswegen habe ich bereits Radiosendungen, Klänge der Nacht, der inneren Physiologie des menschlichen Körpers, Glocken, Steine, Wind, das Meer, alte und neue Telefone oder Geräusche von Zügen 'aufgelesen': Efebo con radio (1981), Lohengrin (1981), Perseo e Andromeda (1990), Archeologia del telefono (2005), Senza sale d'aspetto (2011). Und jetzt eben den Autoalarm auf einem Parkplatz.“ (Salvatore Sciarrino)

Andreas F. Staffel: Über „Sur bois“ für Flöten und Klavier (2009-16)
Der erste Entwurf zu einer Flötensuite entstand im Jahr 1999, und wurde im Herbst 2009, sowie 2016 umgearbeitet. Der Titel bedeutet so viel wie „Über Holz“, und spielt auf den Ursprung der Flöte als Mitglied der Holzbläserfamilie an. Ich habe in den fünf einzelnen Sätzen von „Sur bois“ versucht, die sehr unterschiedlichen Facetten des zeitgenössischen Flötenklangs in Verbindung mit dem „Konzertflügelholz“ zu charakterisieren. Der erste Satz, Tombeau (Grabstein) für Altflöte und Klavier, ist meinem im September 2009 verstorbenen Freund Wolfgang Moelders gewidmet, und verbindet die Elemente einer Sarabande mit klanglichen Namensinschriften. In dem zweiten Satz, „Air on Air“ spielen beide Instrumentalisten mit den Möglichkeiten des Atems und den Verbindungen von „klingender Luft“. Im dritten Satz „Embranchements“ (Verzweigungen) kreuzen sich auf-und absteigende melodische und rhythmische Reihen, und bilden verschiedenartigste Formen, die an Verästelungen in der Natur erinnern. Der vierte Satz, „Les Feuilles Mortes“ (Herbstblätter) für Altflöte und Klavier verwendet als einzigen Ton für die Flöte ein eingestrichenes E, dessen Intonation wechselseitig getrübt oder erhellt wird. Vereinzelte parallele Quinten, Septimen und Nonintervalle im Klavier brechen die Schattierung des Flötentons prismatisch. Man wird hierbei an Prozesse in der Natur denken, an jenes immer neue Heranbilden von Falten, Ringen und Verfärbungen. In der rasend schnellen Gigue des letzten Satzes „Langue du feu“ (Feuerzungen) bewegen sich beide Instrumente repetierend in immer höher Registerlagen, bis hin zur „Baumgrenze“ Hierbei verwendet die Flöte stetig wechselnde Klangfarben wie Lippenpizzicati, Trompetentöne, whistle, Jettöne und ohne Flöte gezischte Töne. (Berlin, Dezember 2016)

Wieland Hoban: When the panting STARTS für Klavier (2002 - 2004)
Noch mehr als jede andere musikalische Darbietung ist für mich eine Solo-Aufführung ein theatralischer Akt. Dabei kann das Theatralische also Monolog nach innen verlagert werden. In diesem Stück handelt es sich um einen solchen Monolog, der sich jedoch in einem sehr angespannten Konfliktzustand befindet und jederzeit droht, sich nach außen zu entladen.
Dieser Situation geradezu autistisch angestauter Spannung entspricht die Behandlung des Klavierspiels, bei dem jeder Finger zu einer eigenen Stimme wird, jedoch vom erzwungen Zusammensein durch die jeweilige Hand eingeschränkt bleibt. Zugleich ermöglicht diese Herangehensweise Formen der Polyphonie, die anders nicht entstehen können. Somit wird der Konflikt zwischen Autismus und Aus-Druck unmittelbar körperlich ausgetragen, im kleinsten Kern des Klavierspiels selbst. Es handelt sich also weniger um zwei Hände als ein Ensemble von zehn Fingern. Eine wesentliche Anregung zu diesem Ansatz bekam ich durch das Spiel von Ian Pace, in dem feinste Nuancen der Artikulation eine frappierende Klarheit bekommen. 
Der Titel bezieht sich auf Samuel Becketts Prosawerk Wie es ist. Dort versucht der Erzähler immer wieder, einen narrativen Faden zu spinnen, und setzt an, „wenn das Keuchen aufhört“, d.h. sobald er wieder atmen kann. Es ist aber gerade dieser Zustand der Sprachlosigkeit, der in when the panting STARTS – wenn das Keuchen anfängt – den Ausgangspunkt bildet. - Das Stück wurde für Ian Pace komponiert und ist ihm gewidmet.

Die Künstler

Erik Drescher

Freischaffender Flötist, lebt in Berlin. Schwerpunkt zeitgenössische Musik. Neben ausgeprägter solistischer Tätigkeit, gastierte er in vielen renommierten Ensembles für Neue Musik. Mitglied im Trio Nexus bis 2014. Konzerttätigkeit weltweit. CD und Schallplattenproduktionen bei Wergo, Mode Records, Edition Wandelweiser Records, World Edition, Stradivarius, GOD Records. Musikkurator im Acker Stadt Palast Berlin.

Arbeiten, darunter zum Teil mehrfach Anregungen zu neuen Werken und Uraufführungen so unterschiedlicher Komponisten und Musiker wie Peter Ablinger, Maryanne Amacher, Antoine Beuger, Axel Dörner, Sabine Ercklentz, Julio Estrada, Dror Feiler, Friedrich Goldmann, Hauke Harder, Hanna Hartman, Adriana Hölszky, Nicolaus A. Huber, Jamilja Jazylbekova, Sven-Åke Johansson, Christian Kesten, Artur Kroschel, Bernhard Lang, Klaus Lang, Juseub Lim, Alvin Lucier, Michael Maierhof, Maximilian Marcoll, Chico Mello, André O. Möller, Andrea Neumann, Chris Newman, Phill Niblock, Ivo Nilsson, Helmut Oehring, Christoph Ogiermann, Younghi Pagh-Paan, Marianthi Papalexandri-Alexandri, Gérard Pape, Karen Power, Éliane Radigue, Uwe Rasch, Jaime Reis, Manuel Rocha Iturbide, Marc Sabat, Friedrich Schenker, Marcus Schmickler, Cornelius Schwehr, Martin Schüttler, Salvatore Sciarrino, Simon Steen-Andersen, Stefan Streich, Chiyoko Szlavnics, Kasper T. Toeplitz, Mauricio Valdes, Jennifer Walshe, Jeremy Woodruff, Lidia Zielińska.

Ein Schwerpunkt ist die neuartige Glissandoflöte, wofür zahlreiche Komponisten neue Werke schreiben herausgegeben in „Glissando Flute Collection Erik Drescher“ beim Verlag Neue Musik Berlin.

www.erikdrescher.de

Pavlos Antoniadis

Pavlos Antoniadis, in Athen geboren, ist ein in Berlin basierter Pianist und Musikwissenschaftler, derzeitig Doktorand in LabEx GREAM, Université de Strasbourg und Ircam, Centre Pompidou wo er auch Musikinformatik und zeitgenössische Aufführungspraxis unterrichtet. Er hat in Europa, Nord- und Südamerika und Asien als Solist und Ensemblemusiker (Work in Progress und KNM Berlin) aufgetreten und für MODE records (2015 Deutscheschallplattenkritikspreis) und Wergo aufgenommen. Er war von Institutionen weltweit (HfM Dresden, INMM Darmstadt, Ircam Paris, Orcim Gent, Goldsmiths London, Trinity Dublin, Aristoteleio Thessaloniki, Cité de la Musique et de la Danse Strasbourg, Hong Kong University, Yamanashi Gakuin University Kofu, Wocmat Taiwan) zu Lecture-Performances über die Verkörperung der neuen Musik eingeladen. 2014 gewann er die Musical Research Residency am Ircam, wo er ein Interface zur gestichen Bearbeitung der komplexen Notation (GesTCom) entwickelte. Er hat Klavier und Musikwissenschaft als Stipendiat von GREAM, Fulbright Athen, University of California San Diego, Impuls-Akademie Graz, International Ensemble Modern Akademie und Nakas Konservatorium Athen studiert.

pavlosantoniadis.wordpress.com

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